Papa, was ist Politik?

Mein Sohn ist jetzt fast 3 Jahre alt. Ein schlauer Kerl, der die Welt entdeckt und Dinge verstehen will. Als ich neulich Kleiderspenden für Flüchtlinge im Auto hatte, wollte er wissen, wofür die sind. Zuhause hat er dann – unaufgeordert wohl gemerkt – aus seinem Schrank Klamotten sortiert und für die Kinder noch Stifte und Süßigkeiten dazu getan. Ich liebe ihn dafür noch ein Stück mehr, als ich es ohnehin tue. Hätten alle Menschen seine Logik und sein Grundverständnis von Teilen, wäre die Welt sicher ein toller Ort. Und dennoch habe ich Angst und bin gerade sehr froh, dass er mich noch nicht den folgenden Satz gefragt hat: „Papa, was ist Politik?“ Trotzdem habe mir das Horrorszenario mal vorgestellt, wie seine 5-jährige Version genau diese Frage stellt. Weiterlesen

No meat today – Ein Monat ohne Fleisch

FleischfreiEigentlich müsste ich Chris Martin hassen. Und Coldplay. Und die Medien. Aber irgendwie bin ich ganz dankbar, dass das alle eine große Lüge ist mit den Musikcharts. Aber der Reihe nach. Nach und nach machte ich mir in den letzten Monaten immer mehr Gedanken über dieses ganze Fleisch essen. Über Preise vom Discounter, die teilweise so niedrig sind, dass weder Sau noch Metzger ein schönes Leben haben können. Über die Notwendigkeit von Wurst auf jedem Brötchen, jeder Pizza, jedem verdammten Teller. Und darüber, wie gesund Fleisch einer speedgepimpten Kuh oder einer überstopften Gans und einem Antibiotika-Huhn noch sein kann. Und immer war meine Antwort „Alles blöd, ich weiß. Aber ich bin es doch so gewohnt, das schaffe ich niemals auch nur eine Woche ohne Fleisch!“

Adventure of a Eisbein
Manchmal muss man sich zu seinem Glück zwingen. Also suchte ich nach Leuten, die eine Wette eingehen wollten. Wettschulden sind Ehrenschulden. Mein Einsatz: Ein Monat ohne Fleisch. Mein Kumpel Palle – selbst vegetarisch unterwegs – kannte meine Bratwurstschlagzahl, meine Adventure of a Eisbein. Und als er irgendwann das neue Coldplay-Lied „Adventure of a lifetime“ gut fand, wettete ich gegen eine Chartplatzierung in den Top 15. Palle hätte die komplette Glocke von Schiller auswendig vorgetragen. Win-Win für mich. Und es fing alles so gut an. Irgendwo um Platz 20 stieg das Lied ein, stand dann noch schlechter. Und plötzlich wurde Coldplay tagelang auf der iTunes-Startseite gefeatured, Coldplay als Superbowl-Act verkündet und dieser verdammte Song überall im Abspann gespielt. So war dann schnell klar: Poppe probiert’s – No meat today und auch noch 30 weitere Tage im Januar.

Fleisch war mein Gemüse
Wer mich kennt, der weiß, dass das Fleisch mein Gemüse war. Als ich einmal umzog, machte mein Stammmetzger gegenüber kurz darauf den Laden zu. Ob es einen Zusammenhang gab – reine Spekulation. Wenn du aber im Mehrgenerationen-Haushalt aufwächst, wenn Oma und Mutti kochen, dann gibt es immer Fleisch. Wurstbrot am Morgen, irgendwas warmes mit Fleisch am Mittag, Vesper am Abend. Am Wochenende dann lecker Braten. Es war für mich normal Fleisch zu essen. Immer und täglich. Die Oma will das den Enkeln gönnen, weil sie es selbst noch kennt, wenn es das nur alle vier Wochen gab. Und so war das dann eben die letzten 33 Jahre mein Alltag. Am All-Inklusiv-Buffet keine Platz mehr für Beilagen, weil schon acht Sorten Fleisch auf dem Teller lagen, Brot nur mit dickem Wurst-Belag, selbst Eintopf nur mit einer Hand voll Würstchen. Und dann kam Silvester. Ein letztes Mal Pizza und der Fleischofen war aus.

Wurst Case Szenario
Der Worst Case oder besser gesagt der „No Wurst Case“ war da und ich hatte Angst. Mehr sogar als damals, als ich als „Eine Schachtel am Tag“-Raucher von heute auf morgen aufhörte. Auch wenn ich immer noch vom 10-Meter-Turm springen muss – ich stehe zu meinen Wettschulden. Nach dem ersten Tag war es noch besonders. Ich glaube wirklich es war der erste fleischlose Tag seit einem Jahrzehnt. Kein Witz. Nach drei Tage war es fast schon normal. Ich entdeckte Brotaufstriche. Verdammt ist das Zeug lecker. Ich aß Gemüse-Pizza mit gefühlten 20 Belägen. Obwohl ich quasi keinen Käse und keine Milchprodukte mag, gab es täglich irgendwas anderes. Immer genug, immer lecker, meist gesünder als früher. Zwei Wochen später fing ich an zu überlegen, wie es nach dem Monat weiter geht. Heute bin ich den 35. Tag ohne Fleisch. Freiwillig. Hätte mir das jemand vor einem Jahr gesagt, wäre mir vor Lachen das Mettbrötchen aus der Hand gefallen.

One lucky cow please
Ich habe lange überlegt, ob ich überhaupt etwas schreibe. Aber die Seite heißt „Poppe probiert’s“ und das nicht zu verbloggen, wäre irgendwie auch fahrlässig. Ich werde weiterhin Vegetarier und Veganer auslachen, die jedes Gespräch auf ihren Verzicht lenken und Menschen missionieren wollen. Am Ende ist mein Fazit, dass es kein Problem ist ohne Fleisch gut zu leben und lecker zu essen. Der Geschmack kommt von Gewürzen, Soßen, Beilagen. Das Fleisch trägt ihn, aber das tut ein Quinoa-Brätling auch. Ob man das will, muss jeder selbst wissen. Viel ist schon getan, wenn man mal den Weg eines Schnitzels, einer Salamischeibe oder eines Hähnchenschenkels zurückverfolgt. Und dann muss man sich fragen, ob man das ok findet und ob man wirklich Fleisch und Wurst zu Dumpingpreis braucht. Ich werde weiterhin Steaks und Schnitzel essen. Vielleicht einmal pro Woche, vielleicht einmal im Monat. Aber ich werde nur noch Sachen vom Dorf-Metzger kaufen, bei dem ich den Namen der Kuh erfragen kann und in Gaststätten (Schenk’s Landgasthof ist hier sehr zu empfehlen), bei denen ich weiß, dass das Steak im selben Bundesland wie ich aufgewachsen ist. Was Ihr jetzt mit diesen Infos macht? Keine Ahnung! Aber Ihr könnt Euch gerne eine Scheibe von meiner neue Ideologie abschneiden. Und wenn nicht, ist es mir auch Wurst.

Mehr Mitte. Bitte!

Früher war alles einfacher. In der Schule musste man nur zwischen Scout und McNeill wählen, maximal dann noch zwischen Geha oder Pelikan. Wichtiger war dann schon die Grundsatzfrage Backstreet Boys oder Kelly Family. Die Jungs standen vor einer harten Entscheidung. Wollte man das Herz von Susi (BSB) gewinnen, durfte man kein böses Wort über die gegelten US-Boys verlieren. Dadurch waren die Chancen bei Steffi (Kelly) aber gleich null – dachten wir Jungs. Schon damals tat man eigentlich gut daran, wenn man sich einfach alles mal angehört hat und es entweder gut oder schlecht fand. Und wenn man Susi dann sagte, dass „Get Down“ ganz groovy ist, aber „Quit playing games“ etwas zu schnulzig, war das für Susi ok. Die hat sich ihre Knutschpartner ohnehin nach Sympathie und Aussehen gewählt und nicht nach Musikgeschmack. Auch heute täte dieses Meinungsbilden mit Pros, Contras und ohne Extreme vielen mal wieder gut. Denn: Aus der Mitte entspringt kein Stuss.

Links, rechts, vor, zurück…
Heute sind es nicht mehr die Backstreet Boys und die Kellys. Heute hat man viel schwerere Entscheidungen zu treffen. Und wenn man sich mit den meisten Leute über aktuelle Themen unterhält, scheint es nur noch Extreme nach links und rechts, nach oben und unten, nach egal und ganz wichtig zu geben. Weiterlesen

Gestatten: Cristiano. Geboren auf der Flucht!

Warum Menschen vor Krieg fliehen, sollte eigentlich eine Frage sein, die sich von selbst beantwortet. Dennoch fehlt einigen Menschen offenbar die Phantasie, der Blick über den Tellerrand oder einfach nur der nötige Funken Menschlichkeit. In der LEA Wertheim habe ich den kleinen Cristiano besucht. Er ist am 1. September 2015 geboren worden. Auf der Flucht. Irgendwo zwischen Serbien und Mazedonien im Wald. Wer nach Cristianos Geschichte noch keine Empathie hat, wird sie auch nicht mehr bekommen.Die Eltern des Kleinen lebten in Aleppo, der zweitgrößten Stadt in Syrien mit einst 2,5 Millionen Einwohnern. Der Vater ist Schneider, verarbeitet beruflich Spitze, die drei Kinder sind im Grundschul- und Kindergartenalter. Ein ganz normales Leben. Eine ganz normale Familie. Seit Sommer 2012 ist Aleppo umkämpft. Rebellen im Osten, Assad im Westen. Russland und der Iran mischen gegen die Dschihadisten mit. Ein wenig wie Berlin zur Besatzungszeit – nur eben mit Krieg. Täglich gibt es Gefechte, Bombe fliegen. Das normale Leben für die normale Familie gab es nicht mehr. Wer „Aleppo + Zerstörung“ googelt, kann es vielleicht verstehen – ein wenig.

Als das Haus der Familie zerstört wird, fliehen sie in die Nachbarstadt. Besser ist es dort kaum. Die Familie erfährt von der Schwangerschaft und es wächst der Gedanke an eine Flucht nach Europa. Drei Monate Planung sind nötig um die Reise antreten zu können. Nicht, weil es eine gute Option ist. Es ist die einzige Option. Lange Details über die Reise erspare ich mir. Über die Flucht aus Syrien nach Europa kursieren unzählige Bericht und Reporterstücke im Netz, die die Strapazen und Gefahren beschreiben. Nur so viel: Acht Tage Fußmarsch im Dauerregen sind für eine hochschwangere Frau, Kinder und auch einen erwachsenen Mann alles, aber keine lockere Wanderung. Hilfe bekamen sie dennoch auf dem Weg von allen Seiten – anders wäre es wohl kaum machbar gewesen.

Die erste Hilflosigkeit kommt auf der dreistündigen Schiffsüberfahrt, aber alles geht gut. Über Griechenland soll die Reise ins Zentrum von Europa weiter gehen. Und irgendwo auf diesem Weg – zwischen Mazedonien und Serbien in einem Wald – will Cristiano raus. In der Gruppe mit der die Familie unterwegs war, gab es (so übersetzt es mir der Dolmetscher) “eine Frau die sich ein wenig mit Geburten auskannte“. Das war alles, was es an Hilfe gab. Kein Krankenhaus, keine Hygiene, keine Schmerzmittel. Cristino kommt am Abend des 1. Septembers 2015 auf die Welt. Ein kleines Wunder, dass Mama und Sohn die Geburt überstehen und die Reise fortsetzen. Wo andere Kinder Windeln, Body und Strampler nach diversen Untersuchungen tragen, hat Cristiano eine ganz spezielle Kleidung: Eine Plastiktüte ist Windel, Body und Strampler zugleich. Für zwei Tage. Mehr ist nicht da. Der Gesundheitszustand von Mama und Kind verschlechtert sich immer mehr. Erst, als sie nach Tagen ein Krankenhaus erreichen, wird es besser.

Seinen Namen hat Cristiano von dem berühmten Fußballer. Der Papa ist Fan, Ronaldo ist DER Kicker in Europa und Europa ist die neue Heimat der Familie. Zumindest jetzt. Denn als ich den Papa nach seinem größten Wunsch frage, sagt er: „Wieder ohne Sorgen in der Heimat leben. Die Kinder dort aufwachsen sehen, ein glückliches Leben führen!“ und dann will er noch Danke sagen für an alle, die ihm geholfen haben, an die Deutschen, die die Familie aufgenommen haben und an Gott, dass sie noch am Leben sein dürfen. Worte eines Mannes, der ein ganz normales Leben führte. Mit einer ganz normalen Familie. Bis ein Krieg, den er nie wollte und an dem er nichts ändern konnte, dieses Leben von heute auf morgen zerstörten.

Es mag sein, dass die Deutsche Willkommenskultur auch schlechte Menschen anlockt. Mit Sicherheit will sich ein Teil der Flüchtlinge aus sichereren Gebieten auch nur bereichern. Deutschland wird von seinen neuen Einwohnern gefordert und gefördert werden. Man kann vieles hinterfragen, man darf Kritik an vielen Abläufen und dem System üben. Dinge müssen sich ändern, zugunsten der wirklich Bedürftigen verbessern. Man muss sich im Klaren sein, dass die Flüchtlingsthematik uns noch lange beschäftigen wird. Was man aber nicht darf: Krieg nicht als Grund für Flucht akzeptieren und eine kleines Stückchen des eigenen Wohlstandes über den Grundbedürfnisse eines jeden Menschen ansiedeln. Wer das tut, der nimmt tausenden Familien die Chance auf das Leben, das wir führen. Das wir führen, weil wir Glück hatten, dass unser Alltag nicht von Krieg zerstört wurde. Ein Leben, das jeder verdient hat. Unabhängig von Nationalität und Religion. Wer eine Grenze für einen unbekannten Anteil von schlechten Menschen schließt, der schließt sie auch für Cristiano und Tausende andere Familien wie seine. Allen, die das nicht nachvollziehen können, wünsche ich, dass sie nie eine Entscheidung wie Cristianos Papa treffen müssen: Im Krieg leben oder mit Frau, Kindern und Baby fliehen und alles zurück lassen, was einst für Heimat und Glück stand.

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Zu Gast in der Welt von Sonnenschein Samu

Down-Syndrom, Trisomie 21 und den verpönten Begriff Mongolismus hat jeder irgendwie mal gehört. Viel anfangen können die Wenigsten damit. Familie Weiß auf Apfelbach wusste auch nur ein paar Dinge, bevor Samu in ihre Welt kam. Samu ist anderthalb Jahre alt, hat Trisomie 21 und verbreitet so viel Glück und Liebe, wie jedes andere Kind auch. Ich durfte für einen Moment Gast in seiner Welt sein und war begeistert und beeindruckt.

Samu
Irgendwie dachte ich, Trisomie 21-Menschen seien nicht kontaktfreudig. Man hat mal was aufgeschnappt. Samu ist allerdings schnell auch bei mir und hält mich mit einem Quietschepferd auf Trapp. Samu ist besonders. Er hat 47 Chromosomen statt der üblichen 46 – das ist auch schon alles, was ihn prinzipiell von anderen Kindern unterscheidet. Und weil das besondere Chromosom das 21. ist und dreifach, statt doppelt belegt ist, heißt es eben „Trisomie 21“. Man erkennt Trisomie-Kinder häufig an einem etwas flacheren Gesicht, schrägen Augenstellungen, kleinen Ohren oder der durchgehenden Furche auf der Handfläche. Bei jeder 700. Geburt in Deutschland kommt es zu einer solchen Chromosomenstörung und so leben geschätzte 50.000 Menschen mit Down-Syndrom im Land. Jeder von ihnen ist eine ganz eigene Persönlichkeit mit Gefühlen, Wünschen, Bedürfnissen. Weiterlesen

Wie ich einmal fast eine Bratwurst auf dem Weihnachtsmarkt gegessen hätte.

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Gestatten, Grinch mein Name. Naja, fast. Seit ich Kinder habe, ist Weihnachten halbwegs in Ordnung. Deswegen traute ich mich dieses Jahr sogar auf einen Weihnachtsmarkt. Meine Vorabmeinung: Die Aussichten auf Spaß sind ungefähr so groß, wie bei einer Ü70-Swinger-Party im hässlichsten Puff in Prag. Altmodische Lichter, ranzige Würstchen, grenzwertige Flüssigkeiten. Alles muss, nichts kann! Ich muss auch. Dringend zum Bratwurststand. Der ist der einzige wirklich sinnvolle Grund für einen Autofahrer überhaupt auf so einen Markt zu gehen. Natürlich schön lange Schlange an der Bude. Das Sprichwort „Stell dich nicht so an“ muss wegen der Warteschlangen an den Ständen deutscher Weihnachtsmärkte erfunden worden sein. Aber gut: Zehn-Zwölf Menschen vor einem Stand sind ja eigentlich nicht die Welt, da liegen ja schließlich 200 Würste auf dem Grill. Denke ich mir so und erlebe die Weihnachts-Hölle.

Ganz vorne ist natürlich die obligatorische Kleingeld-Oma, die tagsüber schon den Einkauf im Supermarkt zum Tagesausflug werden lässt. Irgendwann muss mal – in den 60ern oder noch früher – das komplette Wechselgeld der Republik ausgegangen sein. Vielleicht stand es sogar mal unter Strafe nicht passend zu zahlen. Anders ist es nicht zu erklären, warum Menschen ab 70 das tiefgründige Bedürfnis haben, passend zu zahlen. Zur Not dann auch mit roten Münzen, die mit eingefrorenen und sehr alten, schrumpeligen Fingern heraus geholt werden. Ist ja nett gemeint. Ungefähr so nett, wie einem 12-Jährigen Feuer für seine Kippe zu geben. Nach fünf Minuten geht es weiter. Eine Frau bestellt sich eine vegane Bratwurst. EINE. VEGANE. BRATWURST. Millionen Jahre Evolution brachten unsere Spezies zu dem Punkt, wo wir endlich am Bratwurststand eine Wurst ohne Wurst braten können. Mir persönlich wäre die Weiterentwicklung „Hack-Spekulatius am Bäckerstand“ lieber gewesen.

Der Herr, der als nächstes darf, hat mitgedacht. Zumindest einen Schritt weit. Vier Glühwein hat er in der Hand. Offenbar geht die Runde auf ihn. Macht natürlich Sinn, dann auch noch vier Bratwürste zu bestellen. Während so eine Bedienung auf dem Oktoberfest auch mal zehn Maßkrüge gleichzeitig stemmt und dabei noch schaut, als käme sie gerade vom Wellness aus der Therme in Erding, geht das bei unserem Freund eher in Richtung Passionsspiele in Oberammergau – die Kreuzigungsszene natürlich. Eigentlich müsste man solche Menschen mit dem Handy ins Netz streamen und über Seiten wie bwin Wetten über die Anzahl der gestürzten Würste abschließen können. In seinem Fall werden es zwei abgestürzte Brötchen. Die gute Wurst. Und weil man mit vier Glühwein in zwei Händen alles tun sollte, aber keine fallende Bratwurst fangen, ist am Ende die Theke und der Typ versaut. Also muss die arme Mindestlohnkraft erst mal putzen, während der feine Herr noch mal zwei Würste bestellt und sich in der Zwischenzeit vom Acker macht um dann doch erst mal die vier halbvollen und lauwarmen Glühweine abzuliefern. Weiterlesen

Zu Gast in der LEA Wertheim

Viele Dinge hat man noch nie erlebt und stellt sie sich deshalb so einfach vor. Und am Ende steht man dann da und fragt sich, wie man so naiv sein konnte. Heute stand ich vor dem Eingang der LEA in Wertheim. Die Erstaufnahmestelle hat in sehr kurzer Zeit eine vierstellige Zahl von Menschen beherbergt. Aktuell sind fast 1.000 da. Ich wurde gebeten über die Kleiderausgabe zu schreiben. Die Helfer dürften mehr sein, die Sachspenden auch. Im Kopf ist der Artikel geschrieben, bevor ich die ehemalige Polizeiakademie betrete. Am Tor steht ein Zauberer und bringt knapp 60 Kinderaugen zum leuchten. Ich werde von einer der wenigen gebliebenen Freiwilligen abgeholt. Einfach so rein darf ich nicht.

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Bevor wir in die Kleiderkammer gehen, besuchen wir eine syrische Familie. Vier Stockbetten mit je zwei Matratzen, eine kleine Ecke zum Tee kochen, ein Tisch und ein paar Stühle – das muss für drei Generationen einer Familie reichen. Oma sitzt im Rollstuhl, deswegen bekommt sie Kleider gebracht. Der Kleine ist erst 10 Monate alt und sitzt auf dem Tisch. Ich werde herzlich begrüßt, bevor man überhaupt fragt, wer ich bin. Ein Tee ist Pflicht. Das Wenige was da ist, wird gerne geteilt. Der Kleine taut langsam auf, lacht mit mir und gibt mir die Hand, wenn ich „Merhaba“ sage. Ich muss Bilder meiner Kinder zeigen und von ihnen erzählen. Wie eine Frau im Rollstuhl und ein Baby es nach Deutschland schafften, traue ich mich nicht zu fragen. Weiterlesen

Hört endlich auf zu jammern!

Oder: Warum unser Leben eigentlich gar nicht so scheiße ist, wie es viele gerne möchten.

In den Siebzigern schrieb der Ire Pete St. John das Lied „Fields of Athenry“. Es handelt vom Leben in den Zeiten der irischen Hungersnot, die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte. In der ersten Strophe steht eine junge Frau Names Mary an der Gefängnismauer und redet mit ihrem Michael. Der hat Getreide gestohlen, weil das Baby zu verhungern drohte. Jetzt wartet im Hafen ein Gefangenenschiff auf ihn und soll ihn nach Australien bringen. Was das mit uns zu tun hat? Jede Menge!

Keine 170 Jahre sind vergangen. Wir haben alles. Wir sind nur noch am jammern. Der Comedian Louis C.K. hat es mal in wenigen Worten auf den Punkt gebracht: „Everything is amazing and nobody is happy!“ Alles ist wundervoll und keiner glücklich. Weiterlesen